Zwei große Erdbeben haben großes Leid über
viele Menschen gebracht. Die Menschen in Haiti und Chile erleben
unvorstellbares Elend. Ihre Welt ist aus den Fugen geraten durch die
gewaltigen Erdbeben. Aufgrund von Schnee und Eis sind Menschen in
unserem Land gestern tödlich verunglückt. Wenn Verwandte,
gute Freunde, aus dem Leben gerissen werden ist das besonders für
die Angehörigen als ob ihre Welt zusammen bricht. Verglichen
mit deren Situation sind manche unserer Probleme banal. Können
wir das Leid dieser Menschen überhaupt nachempfinden?
Vor dem Hintergrund persönlicher Tragödien erscheint das Bibelwort
Die Güte des Herrn hat kein Ende
vielleicht wie ein Hohn. Das Wort passt doch eher zu einer Kreuzfahrt in der Karibik. Am Swimmingpool auf dem Sonnendeck, aus dem Mund eines lebensbejahenden jungen Menschen, da passen diese Worte doch viel besser. Oder?Wenn wir dies Lied singen, singen wir dann nur einen wunderschön vertonten
Bibelvers, der zum wirklichen Leben keinen Bezug hat? Nein! Dies Lied
ist viel mehr als nur eine theologische Erklärung mit einer
eingängigen Melodie. Dies Wort von Gottes Treue ist der rettende
Anker, der das zerbrechliche Lebensboot im Sturm hält;
es ist das helle Licht, das dem verirrten Menschen in dunkler Nacht
den Weg zeigt; es ist der Sauerstoff für die Seele, die kurz
vorm Ersticken ist; es ist Ausdruck des Glaubens, der die Welt
überwindet. Ich möchte einige Aspekte des Bildes
nachzeichnen, das der Prophet Jeremia gemalt hat. Ich hoffe, dass wir
dies Bibelwort besser verstehen und dies Wort eine Sehnsucht in uns
weckt Gott allezeit als den ewigen Fels zu sehen, dessen Treue größer
ist als unser Verstehen. Die Predigt gliedert sich um zwei Blöcke:
1) Hintergrund; 2) Hoffnung;
1. Die Erfahrung gläubiger Menschen umfasst
auch Leid und Hoffnungslosigkeit. 3,19f
Klgl 3,22 entstand nicht am Schreibtisch eines Theologen. Dies Wort kommt aus der persönlichen Erfahrung eines Mannes, der sehr viel durchgemacht hatte. Erinnern wir uns:
Erstens, 40 Jahre bevor Jeremia diese Worte schrieb, hatte Gott ihn als
jungen Mann zum Propheten berufen. Fürchte
dich nicht, sagt Gott zu ihm, ich
bin mit dir, wohin du auch gehst. Jer 1,1-19
40 Jahre lang hatte dieser Mann sich bemüht, sein Volk zu
warnen. 40 Jahre lang hatte er sein Volk zur Umkehr gerufen. 40
Jahre lang hatte er seinem Volk Gottes Wort gesagt. Ja, und 40 Jahre
lang war er nicht nur erfolglos. Er wurde verspottet, ihm wurde
gedroht, er wurde in eine schlammige Zisterne geworfen (Jer 38,4-6).
Er hatte viel unter seinem Volk gelitten. Jeremia war der weinende
Prophet, der erfolglose Prophet, der klagende Prophet (8,21-23;
13,15-17). Jeremia war auch der Prophet, der wegen seines Auftrags
nicht heiraten durfte (16,1-9).
Für uns ist Jeremia eine Verkörperung von
Jesus Christus, der sich auch vergeblich mühte sein Volk zur
Umkehr zu rufen. Jeremia hat sich mit der geistlichen Not und dem
kommenden Leiden seines Volkes identifiziert und über die Härte
ihres Herzens geweint:Klgl 3,48-50.
600 Jahre später stand Jesus weinend vor der gleichen Stadt und
sagte: Jerusalem, Jerusalem, die du steinigst
die Propheten und tötest, die zu dir gesandt sind. Wie oft habe
ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken
sammelt und ihr habt nicht gewollt. Matth
23,37f Und als Gott dann die Strafe durch
die Babylonier sandte und Jeremia Augenzeuge davon wurde, waren
sicher die gleichen Worte in seinem Mund: Jerusalem,
Jerusalem, wie oft habe ich euch warnen wollen ... und ihr habt nicht
gewollt. 40 Jahre erfolgloser Prophetendienst
ist ein Teil des Hintergrundes.
Zweitens: Ein zweiter Teil
ist die Belagerung der Stadt Jerusalem durch die Babylonier unter
Nebukadnezar. Für 2 ½ Jahre waren alle Bewohner
Jerusalems eingeschlossen, einschließlich Jeremia. 2 ½
Jahre Angst, jeder Morgen könnte der letzte sein; werden sie
heute in die Stadt eindringen? 2 ½ Jahre rationiertes Essen.
Der Hunger wurde in der Stadt so groß, dass Mütter ihre
eigenen Kinder kochten um etwas zu essen zu haben. Es war eines der
dunkelsten und traurigsten Kapitel in der Geschichte des Volkes
Gottes.
Und dann, nach 2 ½ Jahren, brachen die Babylonier in
die Stadt ein. Der geflohene König Zedekiah wurde geschnappt.
Seine eigenen Söhne wurden vor seinen Augen hingerichtet. Ihm
wurden die Augen ausgestochen. Viele wurden gefangen nach Babylon
geführt - ins Exil. Ein kleiner Überrest blieb in der
Stadt. Die Stadt war eine Ruine: Der heilige Tempel war geplündert
und zerstört. Die Mauern waren eingerissen. Die Häuser
verbrannt. Die meisten Bewohner fort. Das ist der Hintergrund: 40
Jahre vergebliches Predigen, Augenzeuge von anhaltendem Unglauben und
Hochmut und dann die Erfahrung von unsagbarem Leid und einer Stadt,
die eine verbrannte und verkohlte Ruine war. Jeremia dichtet das
Lied zum Tod einer Stadt - das Buch Klagelieder. Vor diesem
Hintergrund erkenne ich:
1. Gläubige Menschen geraten unschuldig in
Mitleidenschaft.
Jeremia musste leiden weil er dazu
gehörte. Er war unschuldig. Er war Gott gehorsam. Bis heute hat
sich daran nichts geändert. Auch heute geraten gläubige
Menschen unschuldig in Mitleidenschaft. Da sind gläubige Eltern,
deren Kinder ihren eigenen Weg gingen und ihren Eltern Schmerzen
zufügen. Da sind gläubige Frauen und Männer, deren
Ehepartner nicht mehr ohne Alkohol und Nikotin leben wollen und
können. Sünde bringt auch ins Leben unschuldiger Menschen
Leid und Schmerz. Allen voran Jesus Christus - weil er sich aus Liebe
zu uns bekannte, litt er die größten Schmerzen, die je ein
Mensch auf Erden gelitten hat.
Wir gingen alle
in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg, aber der Herr
warf aller Sünde auf ihn. Jes.53,6
Mitarbeiter Gottes zu sein ist nicht möglich ohne die Erfahrung
des Mitleidens. Mitarbeit in der Gemeinde erfordert die Bereitschaft
mitzuleiden, Lasten anderer mitzutragen, mit den Weinenden zu weinen.
Gott sei Dank für alle treuen Beter, für die Mitarbeiter
in der Seelsorge und in den Hauskreisen.
2. Gläubige Menschen kennen Leid und
Hoffnungslosigkeit. 3,19f
Das hoffnungsvolle Bibelwort Die
Güte des Herrn hat keine Ende entstand
im Herzen eines verzweifelten Mannes. Jeremia war seelisch ganz
unten. Die Traurigkeit hatte seine Gefühle und sein Denken fest
im Griff. An die Korinther schrieb Paulus mit Blick auf ein Glied
der Gemeinde: ...darum ermutigt ihn, damit
die Traurigkeit ihn nicht verschlinge. 2 Kor
2,7
Traurigkeit kann auch einen gläubigen Menschen
verschlingen. Im Jahr 1788 hatte Matthias Claudius einen schweren
Schlag zu ertragen, als der Tod ihm aus der Schar der Kinder seinen
eineinhalbjährigen Sohn Matthias nahm. Damals schrieb er: Ich
dachte lange schon, mein Glaube sei fest und stark; in der Stunde
aber, in der ich meinen Matthias in den Sarg legte, da wollte
Ergebung und Demut fast nicht halten. Der Glaube ward hart geprüft;
da erst lernte ich verstehen, was es mit dem Menschenleben auf Erden
auf sich hat. Was vorherging war nur Kinderspiel.
Ein Zwiegespräch der Eltern am Grab des kleinen Matthias hat er
uns hinterlassen: Die Mutter: Wenn man ihn
auf immer hier begrübe, - Und es wäre nun um ihn geschehn;
- Wenn er ewig in dem Grabe bliebe, - Und ich sollte ihn nicht
wieder sehn, - Müsste ohn Hoffnung von dem Grabe gehn - Unser
Vater, o du Gott der Liebe! - Lass ihn wieder auferstehn. Der
Vater: Er ist nicht auf immer hier begraben,
- Es ist nicht um ihn geschehn! - Armes Heimchen, du darfst Hoffnung
haben, - Wirst gewiss ihn wieder sehn, - Und kannst fröhlich
von dem Grabe gehn. - Denn die Gabe aller Gaben - Stirbt nicht und
muss auferstehn.
Deine Gnade soll mein Trost sein, wie du deinem Knecht zugesagt hast. Ps 119,76
Dies schlichte Gebet ist auch eine Art Seelsorge an sich
selbst. Wir haben einen gnädigen Gott, einen barmherzigen Vater
im Himmel, einen gütigen Herrn. Darum wollen wir froh und
zuversichtlich dem neuen Tag entgegen sehen. Darum wollen wir auch
inmitten von Leid beten und singen.