„Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du?“, fragt Jesus. Die Begegnung mit dem Auferstandenen hinterlässt einen tiefen Eindruck bei Thomas. Die Begegnung und die Worte Jesu wecken seinen Glauben und rufen die Worte eines alten Bekenntnisses (vgl. Ps 35,23) neu hervor: „Mein Herr und mein Gott!“, sagt Thomas. Das ist der Höhepunkt des ganzen Evangeliums. Höher geht es im Glauben nicht, als dass ein Mensch Jesus Christus ganz persönlich als seinen Herrn und seinen Gott bekennt. Thomas erkennt, was nur mit den Augen des Herzens erkannt werden kann: Der Auferstandene ist weiterhin der Gekreuzigte, in dem das Heil liegt. Als Nachzügler hatte Thomas die Chance bekommen, Jesus zu sehen. Als der „ungläubige Thomas“ sollte er nicht in die Geschichte eingehen, sondern als der hörende, sehende, glaubende und bekennende Thomas. Doch wie soll es für all jene Menschen weitergehen, die damals nicht dabei waren, nicht gesehen haben und doch zu allen Zeiten zum Glauben gerufen werden? Für sie gilt die Seligpreisung: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Ist das eine Kritik an jenen, die selbst genau sehen wollen? Nicht unbedingt. Auch der Glaube der späteren Generationen darf fragen und muss sich nicht nur auf Überlieferung und Hörensagen verlassen. „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“, verheißt Jesus im Matthäusevangelium 18,20. Er ist auch heute mittendrin. Zwar können heutige Menschen nicht in gleicher Weise wie Thomas sehen und tasten, aber sie können Jesus begegnen und Gottes Wort hören. Wo der Gekreuzigte als der Auferstandene verkündigt wird, werden Menschen seine Stimme hören. Glaube wird entstehen, und sie werden sich zu Jesus Christus bekennen: „Mein Herr und mein Gott!“
Prof. Dr. Carsten Claußen, Professor für Neues Testament
an der Theologischen Hochschule Elstal